Perspektivwechsel: Warum eine andere Sicht manchmal mehr verändert als die perfekte Lösung
Es gibt Situationen, in denen wir unbedingt eine Lösung finden wollen.
Das Kind hört nicht. Ein Gespräch eskaliert immer wieder. Im pädagogischen Alltag scheint keine Intervention wirklich zu greifen. Oder eine Hausarbeit liegt seit Tagen geöffnet auf dem Laptop, aber der rote Faden will einfach nicht entstehen.
Unser erster Impuls ist häufig:
Was muss ich tun, damit es endlich funktioniert?
Doch manchmal liegt der entscheidende Schritt nicht darin, sofort eine bessere Lösung zu finden. Manchmal beginnt Veränderung an einer ganz anderen Stelle: bei der Perspektive, aus der wir auf eine Situation schauen.
Und genau dort beginnt die Idee hinter PW-Lab.
Was bedeutet eigentlich Perspektivwechsel?
Einen Perspektivwechsel vorzunehmen bedeutet zunächst, die eigene Sichtweise für einen Moment nicht als die einzig mögliche zu betrachten.
Das klingt simpel. In der Praxis ist es das häufig nicht.
Wir alle interpretieren Situationen auf Grundlage unserer Erfahrungen, Erwartungen, unseres Wissens und unserer aktuellen emotionalen Verfassung. Was für eine Person wie Trotz aussieht, kann aus einer anderen Perspektive Überforderung sein. Was als mangelnde Motivation interpretiert wird, kann mit Unsicherheit zusammenhängen. Und hinter einem Konflikt, der scheinbar immer wieder um dieselbe Kleinigkeit entsteht, kann ein ganz anderes Bedürfnis stehen.
Die Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen, spielt eine wichtige Rolle für soziales Verstehen und steht unter anderem mit Empathie und prosozialem Verhalten in Zusammenhang (Farrant et al. 2012).
Ein Perspektivwechsel bedeutet dabei ausdrücklich nicht, jedes Verhalten gutzuheißen oder die eigenen Grenzen aufzugeben.
Er bedeutet vielmehr, eine zusätzliche Frage zu stellen:
Was könnte ich noch nicht sehen?
In Familien: Vom Verhalten zum Bedürfnis
Gerade im Familienalltag geraten wir schnell in festgefahrene Interpretationen.
„Mein Kind provoziert mich absichtlich.“
„Sie hört einfach nie.“
„Er könnte es, wenn er nur wollte.“
Solche Gedanken sind menschlich – besonders dann, wenn alle Beteiligten müde, gestresst oder emotional aufgeladen sind.
Ein Perspektivwechsel kann hier bedeuten, zunächst zwischen dem beobachtbaren Verhalten und unserer Interpretation dieses Verhaltens zu unterscheiden.
Aus:
„Mein Kind will mich provozieren.“
könnte beispielsweise werden:
„Mein Kind zeigt gerade ein Verhalten, das mich provoziert. Aber was könnte dahinterstehen?“
Das ist sprachlich nur ein kleiner Unterschied. Gleichzeitig entsteht dadurch ein neuer Denkraum.
Vielleicht geht es um Autonomie. Vielleicht um Überforderung. Vielleicht um Frustration, Unsicherheit oder ein Bedürfnis, das ein Kind selbst noch nicht benennen kann.
Das bedeutet nicht, dass Eltern anschließend jedes Verhalten akzeptieren oder keine Grenzen setzen dürfen. Verstehen und Grenzen setzen schließen sich nicht gegenseitig aus.
Forschung zur Perspektivübernahme zeigt, dass die Entwicklung von Empathie und Perspektivübernahme auch im Zusammenhang mit familiären Interaktionen und elterlichem Verhalten betrachtet werden kann (Farrant et al. 2012). Gleichzeitig sind solche Prozesse komplex. Familien und ihre Beziehungen lassen sich deshalb kaum auf einfache Ursache-Wirkungs-Formeln reduzieren.
Genau deshalb halte ich wenig von pauschalen Rezepten nach dem Muster:
„Wenn dein Kind X macht, musst du Y tun.“
Denn Familien sind keine standardisierten Systeme.
In der pädagogischen Praxis: Reflexion statt Autopilot
Für pädagogische Fachkräfte bekommt der Perspektivwechsel noch eine weitere Bedeutung.
Professionelles Handeln besteht nicht ausschließlich darin, gelerntes Fachwissen auf eine Situation anzuwenden. Pädagogische Situationen sind häufig komplex, mehrdeutig und nicht vollständig planbar.
Deshalb spielt Reflexion für professionelles Handeln eine wichtige Rolle.
Donald Schön prägte mit seinem Konzept des reflective practitioner wesentlich das Verständnis reflexiver professioneller Praxis. Dabei unterscheidet er unter anderem zwischen der Reflexion während des Handelns (reflection-in-action) und der nachträglichen Reflexion des eigenen Handelns (reflection-on-action) (Schön 1983).
Auch in der Sozialen Arbeit wird reflexive Praxis als bedeutsamer Bestandteil professionellen Handelns diskutiert. Gleichzeitig zeigt sich, dass Reflexion unter den Bedingungen komplexer und emotional belastender Praxissituationen nicht automatisch stattfindet und auch an Grenzen stoßen kann (Ferguson 2018).
Perspektivwechsel kann deshalb bedeuten, sich nach einer schwierigen Situation nicht ausschließlich zu fragen:
„Was hat die andere Person falsch gemacht?“
sondern beispielsweise auch:
„Wie habe ich die Situation interpretiert?“
„Welche Annahmen hatte ich?“
„Welchen Einfluss hatte mein eigenes Handeln?“
„Wie könnte die Situation aus Sicht meines Gegenübers ausgesehen haben?“
„Welche andere Erklärung wäre ebenfalls möglich?“
Damit wird Perspektivwechsel nicht zu einer netten Zusatzkompetenz, sondern zu einem möglichen Werkzeug professioneller Reflexion.
Und gleichzeitig gehört für mich zu einem realistischen Blick auf pädagogische Arbeit auch die Erkenntnis:
Nicht jede Situation lässt sich sofort reflektieren und nicht für jedes Problem gibt es eine perfekte pädagogische Lösung.
Und was hat das mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun?
Auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich viel.
Studierende und Auszubildende erleben wissenschaftliches Arbeiten häufig zunächst als eine Ansammlung von Anforderungen:
Ich brauche eine Forschungsfrage.
Ich muss Literatur finden.
Ich muss richtig zitieren.
Ich soll wissenschaftlich schreiben.
Und am Ende müssen daraus irgendwie 15, 30 oder 50 Seiten werden.
Wer vor diesem Gesamtpaket sitzt, kann schnell das Gefühl bekommen, überhaupt nicht zu wissen, wo er oder sie anfangen soll.
Auch hier kann ein Perspektivwechsel helfen.
Eine wissenschaftliche Arbeit ist nicht einfach ein möglichst kompliziert formulierter Text.
Im Kern geht es darum, eine klar eingegrenzte Fragestellung systematisch und nachvollziehbar auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bearbeiten.
Damit verändert sich die Frage.
Nicht mehr:
„Wie soll ich bloß 15 Seiten schreiben?“
sondern:
„Welche Frage möchte ich beantworten – und welche einzelnen Schritte brauche ich dafür?“
Aus einem riesigen Berg können dadurch einzelne, bearbeitbare Aufgaben werden.
Genau dort kann Unterstützung beim wissenschaftlichen Arbeiten ansetzen: nicht indem jemand die Arbeit übernimmt, sondern indem wissenschaftliches Vorgehen verständlich gemacht, gemeinsam Struktur entwickelt und der eigene Arbeitsprozess unterstützt wird.
Warum daraus PW-Lab entstanden ist
Genau diese Verbindung interessiert mich.
Denn Wissen allein verändert noch keine Praxis.
Entscheidend wird Wissen dort, wo wir es verstehen, hinterfragen und auf unsere eigene Situation übertragen können – und wo daraus möglicherweise neue Handlungsmöglichkeiten entstehen.
PW-Lab soll deshalb kein Ort für Patentrezepte sein.
Sondern ein Ort zum Verstehen, Reflektieren, Sortieren und Ausprobieren.
Für Familien, die ihren Alltag und ihre Beziehungen aus neuen Perspektiven betrachten möchten.
Für pädagogische Fachkräfte, die ihre Praxis reflektieren und weiterentwickeln wollen.
Und für Studierende und Auszubildende, die wissenschaftliches Arbeiten nicht nur irgendwie hinter sich bringen, sondern verstehen möchten, wie es funktioniert.
Vielleicht erklärt genau das auch den Namen am besten:
Perspektivwechsel-Lab
Ein Labor ist kein Ort, an dem die Antwort bereits feststeht.
Es ist ein Ort, an dem Fragen gestellt werden. An dem Annahmen überprüft, Erkenntnisse gewonnen und unterschiedliche Wege ausprobiert werden.
Und genau dafür soll auch PW-Lab stehen.
Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer fertigen Antwort.
Sondern mit einer besseren Frage.
Literaturverzeichnis
Farrant, B. M., Devine, T. A. J., Maybery, M. T. & Fletcher, J. (2012): Empathy, perspective taking and prosocial behaviour: The importance of parenting practices. Infant and Child Development, 21(2), S. 175–188. DOI: 10.1002/icd.740.
Ferguson, H. (2018): How social workers reflect in action and when and why they don’t: The possibilities and limits to reflective practice in social work. Social Work Education, 37(4), S. 415–427. DOI: 10.1080/02615479.2017.1413083.
Schön, D. A. (1983): The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. New York: Basic Books.
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